Früher hieß es mal als Warnung “Big brother is watching you”, heute scheint es kaum jemanden mehr zu interessieren, wenn der eigene Lebenslauf im Internet nachverfolgt werden kann.
Wer es darauf anlegt, kann jedenfalls ohne Probleme mehr über einen Internetnutzer rausfinden, als den meisten lieb sein kann. Dem Staat mit seinem immer mehr ausufernden Reglementierungs- und Überwachungswahn (dessen Wirksamkeit im Übrigen in Bezug auf die Bekämpfung terroristischer Aktivitäten äußerst fragwürdig ist) kann das nur lieb sein.
Ich rede hier gar nicht davon, sich nur um der Popularität willen im Netz zum Volldeppen zu machen (wobei da von “machen” vermutlich oftmals gar keine Rede mehr sein kann…).
Und nach diversen Möglichkeiten zur Veröffentlichung eigentlich privater Dokumente und Bildchen (hat sich eigentlich schon mal jemand um die (durchaus vorhandenen) Rechte anderer Privatpersonen gekümmert, die auf diesen Bildern möglicherweise zu sehen sind?) und tausenden von Bloggs in denen reichlich unwichtige Menschen völlig belanglose (man möchte sagen “banale”) Alltäglichkeiten zum Besten geben, nur um sich ein klein wenig wichtig fühlen zu können, gibt es jetzt als jüngsten Auswuchs dieses, ich möchte es mal narzistischen Zwangs zur Selbstdarstellung nennen, folgende Seite:

http://www.slifeshare.com/

Die Liste der “Features” ist lang: Registriert wird zum Beispiel, welches Programm aktuell genutzt wird, ausserdem die besuchten Webseiten, RSS-Feeds, die gehörte Musik und was weiß ich noch alles.
Besonders “lustig” finde ich einen Abschnitt in der Beschreibung in der es sinngemäß heißt, dass man einiges unternommen hat, um die Privatsphäre der Nutzer nicht zu kompromittieren. Tja, mag sein. Aber die wichtigste Maßnahme, nämlich so ein Angebot erst gar nicht ins Netz zu stellen, hat man offensichtlich vergessen.
Natürlich gibt es anscheinend Möglichkeiten, die Protokollierung einzuschränken, aber da stellen sich verschiedene Probleme ein:
- So viel Ausschlußkriterien man auch angibt, es wird immer irgend etwas geben, was man vergessen hat
- Zu viele Ausschlußkriterien führen den Zweck der Seite ad absurdum
- Letztendlich habe ich als Nutzer keine Garantie, dass die Daten nicht doch irgendwie verwendet oder zumindest mitprotokolliert werden.

Und sage mir keiner, das ist egal. Denn was heute noch legal ist, kann morgen schon illegal sein. Nur mal ein paar ganz offensichtliche Beispiele:
- In der derzeitigen Athmosphäre zunehmender Intolleranz und staatlicher Repressalien (auch unter dem Deckmäntelchen des Schutzes von religiösen Menschen durch die Strafbarkeit der Gotteslästerung) würde es mich nicht wundern, wenn irgendwann das Hören bestimmter Musikrichtungen (Marilyn Manson, als Beispiel) unter Strafe steht.
- Was passiert, wenn irgendwann “Killerspiele” verboten werden und eine solche Seite das mitprotokolliert?
- Was, wenn man auf solchen Seiten dokumentiert, dass man eine Risikosportart betreibt und irgendwann (nichts ist unmöglich) die Krankenkasse auf einen zukommt und verlangt, eine notwendige Operation selbst zu übernehmen, weil man ja selbst schuld ist?
- Oder, was passiert, wenn Arbeitgeber und/oder Kollegen “zufällig” auf eine Seite im Internet stoßen, auf denen der respektable Kollege seine ganz und gar nicht respektable private Seite veröffentlicht? Es wäre nicht das erste Mal, dass Leute ihren Job wegen mittelalterlicher Moralvorstellungen verlieren.

Ich höre schon die Einwürfe, von wegen “an den Haaren herbeigezogen”, “unrealistisch” usw. Aber man sollte sich im Klaren darüber sein, dass der Staat bereits jetzt über weitreichende legale Mittel verfügt, das Verhalten seiner Bürger in wichtigen Teilen nachzuvollziehen (ich sage nur “Geldwäschegesetz”). Und da, wo es legal nicht geht, wird mit etwas Druck nachgeholfen (jüngstes Beispiel die allzu bereitwillige Herausgabe von Kreditkartendaten durch die entsprechenden Unternehmen mit dem “Todschlagsargument” Kinderpornographie).
Jedenfalls scheint man von staatlicher Seite wenig Hemmungen zu haben, den Bürger auszuschnüffeln, wo es nur geht, selbst wenn man dazu das Gesetz aushöhlen oder gar brechen muß (”Bundestrojaner”). So ist bekannt, dass auch schon Journalisten und Rechtsanwälte abgehört wurden.
Ebenso scheint man mit dem anderen Totschlagsargument “Terrorismusbekämpfung” fast jeden Politiker zur Verabschiedung absurdester Gesetze zu bekommen. Amerika ist da unrühmlicher Vorreiter, beispielsweise mit der Registrierung gekaufter Bücher oder der “schwarzen Liste” für Leute, die kein Flugzeug mehr besteigen dürfen (und auf der sich auch schon Friedensaktivisten fanden).

Trotz dieser Bedenken fürchte ich, dass es wieder genug … (jeder mag hier eintragen, was er für richtig hält) geben wird, die das Angebot ausgiebig nutzen werden. Und das sind dann wahrscheinlich genau die selben Leute, die Zeter und Mordio schreien, wenn denn der Bundestrojaner mal Wirklichkeit wird (oder auch nicht, angesichts des Bildungsniveaus und allgemeinen Desinteresses in unserem Land habe ich da so meine Zweifel). Schöne Aussichten sind das.